Eine romantischere Studiensituation ist schwer vorstellbar: Mit Blick auf den Blauen Planeten liest Alexander Gerst, deutscher Astronaut auf der ISS, auf dem Tablet einen Studienbrief und schaut die eingebetteten Videosequenzen. Noch im Weltraum diskutiert er seine Erkenntnisse mit seinen Dozenten im Chatroom. Am Ende legt er noch eine digital basierte, virtuell stattfindende Prüfung ab. Es klingt wie Zukunftsmusik und ist dennoch eine reale Möglichkeit, sollte der deutsche Astronaut vom Weltraum aus studieren wollen. Die schnelle Internetverbindung mit der Raumstation würde es möglich machen, dass Gerst in der ISS über den höchsten WLAN-Hotspot der Welt sich auch an einer Online-Vorlesung beispielweise im Master-Studiengang Wirtschaftspsychologie der SRH Fernhochschule beteiligt. Er wäre mit dabei – in der Zukunft des Fernlernens.

Auch wenn heute digitalbasiert gelernt wird, der Grund, warum das Fernstudium erfunden wurde, war ein simpler: Nicht immer können sich Dozent und Student gegenübersitzen und persönlich austauschen. Ursachen lagen und liegen darin, dass sich nicht alle Menschen ein Präsenzstudium leisten können, sie arbeiten wollen oder müssen, weit entfernt von einer Hochschule wohnen oder sich in besonderen persönlichen Situationen befinden. Studiert wird trotzdem. Zugleich ist der seit über 150 Jahren existierende Fernunterricht ein Produkt des Industriezeitalters, da die Anforderungen an die Menschen durch die industrielle Produktion stiegen. Die Geschichte des Fernunterrichts ist zudem auch die Geschichte des privatwirtschaftlich organisierten Bildungsmarktes.

Briefliche Unterweisung

Seit 150 Jahren gibt es Unterricht auf Distanz. Ein bis heute prägendes Modell hat Issac Pitman in England entwickelt: Das Correspondance Education Model bestand aus gedruckten Lehrbriefen und Einsendeaufgaben für die Lernenden auf privatwirtschaftlicher Basis. Die Aufgaben wurden korrigiert zurückgeschickt – das grundlegende Modell des Fernlernens war entwickelt. Dies gab es im Sprachunterricht, technischen Schulungen, als Vorbereitung auf schulische Abschlüsse und Prüfungen im Bereich der Fremdsprachen. Aber auch Präsenzen wurden angeboten: Berufstätige bildeten sich am Abend und am Wochenende weiter – bis heute ist dies die überwiegende Anzahl der Fernlernenden.

In Deutschland begann die Zeit des Fernlernens mit dem vor dem Ersten Weltkrieg gegründeten „Rustinsche Lehrinstitut für Selbstunterricht“ in Potsdam, das die Methode Rustin entwickelte. Seit 1903 gab das Institut Lehrbriefe zur Vorbereitung auf die Abiturprüfung heraus. Lange Zeit war das Rustinsche Lehrinstitut bis in die 1960er Jahre der einzige Anbieter eines systematischen Fernunterrichts. Die ersten Fernunterrichtsangebote wurden Korrespondenzkurse genannt, da Student und betreuende Einrichtung per Post miteinander „korrespondierten“. Das frühe Fernstudium hatte jedoch aufgrund der Anonymität und des Zeitmangels der meist berufstätigen Studenten nicht selten hohe Abbruchquoten.

Nach dem ersten Weltkrieg stieg der Bedarf an Fernlehre, da nicht nur Kriegsteilnehmer in das Wirtschaftsleben integriert werden mussten, sondern die schnelle Veränderung des Arbeitsmarktes in den 1920er Jahren hohe Anforderungen an die Berufstätigen stellte. Das nicht-akademische Fernstudium nahm seinen ersten großen Aufschwung. Mit der Gleichschaltung im Nationalsozialismus und der starken staatlicher Kontrolle der privaten Bildung endete diese Blüte, denn bereits kurz nach 1933 entstand ein Misstrauen von staatlicher Seite in die private Bildung aus der Ferne.