Eine Pianistin – und auch Fernstudentin?

//Eine Pianistin – und auch Fernstudentin?

Eine Pianistin – und auch Fernstudentin?

Während ich bei 36 Grad im Schatten zum See laufe, um mich abzukühlen, schickt mir meine Freundin Nicole ein Bild. Da steht sie in einem roten Kleid in einem Kirchengewölbe an einem Flügel und ich sehe ihr strahlendes Gesicht nach dem Konzert in Berg en Dal. Erleichtert sieht sie aus. Wie ich sie kenne, drehen sich ihre Gedanken gleich wieder um morgen, denn da findet das „Internationale Studentenmusikfestival“ statt. Das heißt für sie danach Koffer packen, Hotelschlüssel abgeben und wieder nach Deutschland reisen. Und der Koffer bleibt gepackt, nur ein Kleiderwechsel findet statt und zum Wochenende dann wieder eine Abreise. Zwischen den Konzerten hat sie noch Unterricht bei Professor Wolfgang Zill und Zeit für ihre Bachelorarbeit, die sie im Zug auf dem Weg zum nächsten Konzert schreibt.

Nicole Rudi ist 22 Jahre alt und schon jetzt eine herausragende Pianistin. Deutschland, Österreich, Polen, Niederlande, Italien – in diesen Ländern konzertiert Nicole regelmäßig und schenkt dem Publikum wunderschöne Momente mit Werken von Haydn, Brahms, Chopin. Diese Woche ist von Entspannen gar keine Rede, denn ihr stehen noch zwei Konzerte in den Niederlanden bevor. Für sie bedeutet es Vorbereitungen bis zu 6 Stunden am Tag und dies manchmal auch 7 Tage die Woche. An solchen Wochen lässt sie sich von dem Unterricht an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover im künstlerisch-pädagogischen Studiengang freistellen.

Die junge Pianistin ist bekannt für ihre ausdrucksstarke Spielweise, die Innigkeit und Hingabe zu den einzelnen Stücken ist besonders. „Sie wechselt zwischen den Stilen (…) Sie zu hören, ist ein Erlebnis,“ Ausdruckstiefe und technische Sicherheit bescheinigt ihr Musikkritiker Rainer Sliepen. „… sie (ist) künstlerisch über den reinen Schüler-Status längst hinaus …“, schrieben die Wolfsburger Nachrichten bereits im September 2014. Nicole ist Preisträgerin des Louis Spohr-Förderpreises für „herausragende künstlerische Leistungen“, Stipendiatin der Karg-Stiftung für Hochbegabtenförderung sowie der Kultur- und Sozialstiftung der Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg und des Erasmus-Programms. Darüber hinaus erhielt die junge Frau europaweit wichtige Impulse in Meisterkursen von namhaften Pianisten und Lehrern wie Lisa Smirnova, Gilead Mishory, Bernd Glemser, Piotr Paleczny und zuletzt von der Klavierlegende Paul Badura-Skoda. Neben ihrem breitgefächerten Repertoire widmet sich Nicole Rudi als Mitglied des Landesjugendensembles für Neue Musik seit 2014, zeitgenössischer Musik und seit der Gründung des Ensembles „Geräuschkulisse“ im Jahr 2017 neuen und experimentellen Kammermusikformationen. Und letztes Jahr spielte Rudi ein Konzert in einer alten Kirche aus dem 13. Jahrhundert in Aerdt in den Niederlanden – das war eines der schönsten Konzerte, das sie je spielen durfte, sagt sie. Nicht nur, dass die romantische Atmosphäre und Akustik das Konzert so besonders machte, sondern weil sie dort mit Abstand das herzlichste Publikum und sie das Gefühl hatte, dass die Zuhörer jeden Moment mit ihr auf der Bühne mitgelebt haben.

Auf die klassische Frage, wo sie sich in zehn Jahren sehe – antwortete sie: „Es ist schwierig zu sagen, wann ich wirklich fertig bin mit dem Studieren, da ich noch gerne so vieles lernen möchte. Im Moment träume ich davon, einerseits künstlerisch aktiv zu sein und viele Konzerte zu spielen und andererseits in einer Hochschule zu lehren.“ Ein Fernstudium lässt sich jedoch in ihrem Fach nicht umsetzen, da sie für ihr Lernen einen Lehrer braucht, der neben ihr am Flügel sitzt, sie sieht und ihr Spiel hört. Ein nicht-musikalisches Fach wäre jedoch für sie eine schöne Möglichkeit, sich während der Reisen per Fernstudium weiterzubilden, auch wenn es anstrengend wäre. An dieser Stelle zitiert sie Lucius Annaeus Seneca: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Und so wie man ihren Plänen entnehmen kann, wird sich Nicole Rudis Reisepass schon bald weiterfüllen so wie ihre Erinnerungen an die vielen schönen Konzerte.

Von |2018-12-19T13:28:17+00:0013.12.18|Kategorien: Menschen mobil|

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