Künstliche Intelligenz (KI) ist nicht neu. Unter KI wird verstanden, wie Maschinen aus großen Datenmengen selbstständig und teilweise ohne menschliche Hilfe Muster erkennen. Es gibt sie und die Algorithmen dahinter schon seit den 1960er Jahren. Doch durch die stetige Digitalisierung und Vernetzung haben die Menschen sowohl Daten als auch Rechenkapazität gewonnen, sodass die KI heutzutage in vielen Anwendungsdomänen real eingesetzt wird – auch in der Lehre. Wir haben den Spezialisten für Digitalisierung, Logistik und intelligente Systeme Professor Dr.-Ing. Fabian Behrendt von der SRH Fernhochschule gefragt, wo er nützliche Einsatzmöglichkeiten von KI in der Hochschullehre sehen würde.

Herr Behrendt, würden es die Studierenden an der Mobile University merken, wenn ihr Dozent eine KI ist?
Ja, derzeit schon, da bin ich mir sicher. KI-basierte Avatare o.ä. besitzen noch nicht so viele Fähigkeiten wie Menschen und werden es wohl auch nie können. Das Absolvieren eines Studiums hat viel mit Interaktion und Austausch sowie mit Empathie und Reaktionen zwischen Menschen zu tun. Da kommt eine KI schnell an ihre Grenzen, insbesondere was den Faktor der Kognition betrifft.

Welche Grenzen wären das?
Menschen sind empathisch. Sie können Gegebenheiten einschätzen und sich Besonderheiten anpassen. Maschinen hingegen können zwar aus Daten angelernt werden und Erfahrungswissen aufbauen, aber diese Eigenschaft der Empathie ist bisher kaum ausgeprägt. Wie auch…

Und welche Grenzen haben Menschen als Lehrende?
Naja, sie können sich nicht jeden einzelnen Lernfortschritt jedes einzelnen Studierenden ansehen oder gar merken. Menschen müssen ja auch mal schlafen. Eine KI jedoch kann das. Die KI würde dann über Nacht zum Beispiel individuelle Vorschläge erarbeiten können, was der Studierende noch lesen sollte oder vertiefen könnte. Auch könnte die KI schon mal weltweit recherchieren, ob gerade ein wichtiges Paper zur anstehenden Hausarbeit erschienen ist und dieses gleich auf den virtuellen Schreibtisch legen, könnte damit verbundene Rechtefragen klären, weitere Quellen recherchieren. Das wäre schon ein grandioser Support…

Was wird sich für Studierende generell in den kommenden Jahren ändern?
Es sieht aus, als ob das Ende der wissensspeichernden Bildung erreicht ist: Studien sagen, dass durch die fortschreitende Technologieentwicklung neue Lehr- und Lernansätze in den individuellen Wissensstand und den persönlichen Lernfortschritt eines Studierenden integriert werden. Lernprozesse passen sich individuell an Wissensstand und Lernanforderungen an. „Autistisch“ angewandtes Spezialwissen wird weniger wichtig und non-formale Fähigkeiten zu selbstständigem Handeln, Selbstorganisation oder Abstraktion bekommen eine höhere Bedeutung.

Doch ist das ganze Thema KI nicht erschreckend?
Nein. Gerade in Deutschland ist die Entwicklung von KI ein sehr kontrollierter und reflektierter Prozess. Die Strategie der Bundesregierung arbeitet mit der schwachen KI, also einer KI, die von Menschen steuerbar und einsehbar ist – also keine reine künstliche Intelligenz wie im Film. Es werden auch rechtliche und ethische Rahmen geschaffen und das ist ein andauernder Prozess der nächsten 20 bis 30 Jahre.

Und mit wem habe ich jetzt gesprochen?
Mit einem echten „realen“ Professor Behrendt (lacht). Der Professor wird in der Lehre auch zukünftig nicht überflüssig, er hat eine zentrale Rolle in der Wissensvermittlung. Mit der KI kann er sich jedoch mehr auf seine Rolle als Hochschullehrer konzentrieren – die KI „dated“ ihn regelmäßig zu neuen wissenschaftlichen und technologischen Erkenntnissen „up“.

Fabian Behrendt ist seit 2018 Professor für Industrial Engineering an der SRH Fernhochschule und Studiengangsleiter für die Studiengänge des Wirtschaftsingenieurwesens. Zugleich leitet er die Abteilung Forschung am Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF und leitet seit 2013 die Geschäftsstelle des Fraunhofer-Verbund Produktion der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V. Prof. Behrendt forscht zu den Themen Produktions- und Logistiksysteme, Industrie 4.0 und Logistik 4.0, Digitalisierung und Verkehrsinfrastruktur.