Neukonzeption und Boom des Fernstudiums seit den 1960er Jahren

Während der 1950er Jahre expandierte die Branche des Fernunterrichts bzw. des Fernstudiums. Verlage begannen sich im Fort- und Weiterbildungsmarkt zu engagieren, da Bildung nach dem 2. Weltkrieg nicht nur Aufstiegschancen bot, sondern im Deutschland der Wirtschaftschaftswunder-Zeit wurden gut ausgebildete Menschen gebraucht. Zu den engagierten Verlagen zählte unter anderem der Verlag Langenscheidt, welcher zahlreiche Studienhefte herausgab.
Ende der 1960er Jahre kam es jedoch zu einem Einschnitt in der Branche, da zahlreiche damals aktive Anbieter vom Markt verschwanden. Das Modell der Fachhochschule hielt Einzug in Deutschland. Dieses Konzept der theoriebasierten Lehre mit praxisbezogenen Inhalten trat seinen Siegeszug an und führte zur Akademisierung im vielen Bildungsbereichen. In dieser Zeit (1974) wird die Fernuni Hagen gegründet – die einzige staatliche Fern-Universität und bis heute die größte Hochschule Deutschlands.

Zugleich verschwanden die bis dahin häufig inhaltlich und didaktisch nicht so hochwertig konzipierten und durchgeführten Kurse. Ein Grund dafür: der wachsende Einfluss der – durch einen Staatsvertrag über das Fernunterrichtswesen vom 16. Februar 1978 – neu gegründeten Zentralstelle für den Fernunterricht (ZFU). Bis heute entscheidet die Zentralstelle für Fernunterricht als zuständige Behörde in den Bundesländern über die Zulassung von Fernunterrichts-Lehrgängen. Dies kann als Anfang des akademischen Fernstudiums gelten. Somit wird auch die staatliche Förderung des Fernstudiums durch BAFÖG möglich.

Zu Beginn wurden lediglich einzelne Studiengänge in Fernstudieninstituten angeboten. Heute gibt es private und ein staatliche Fernhochschulen in Deutschland mit zahlreichen akademischen Fernstudiengängen in allen Fachrichtungen. Ergänzt werden diese durch staatlich zugelassene Fernkurse vieler Hochschulen.

Ab den 1980er Jahren folgte dann die Gründung von privaten Fernhochschulen. Zudem entstanden erste Studienzentren vor Ort. Basierte die Fernlehre noch lange Jahre auf versendeten Studienbriefen und bearbeiteten Studienaufgaben in Briefform und in Papier, setzte seit den 1970er und 1980er Jahren mit dem Aufkommen und der Etablierung des Fernsehens in allen Haushalten eine neue Entwicklung ein: Die Hochschulen nutzte erstmals die Technik von Radio und Fernsehen für die Fernlehre. In den 80ern folgten zudem erste Versuche mit Bildschirmtext (BTX).

In den 1990ern entstand dann eine Art E-Learning-Boom, in dem nun CD-ROM’s genutzt werden konnten – zunächst als Beilage in den Studienbriefen. Auch die Verbreitung des Internets sorgte für einen völlig neuen Zugang zum Fernlernen, da dort nun Inhalte abgelegt werden konnten. In der ersten Zeit war dies auf noch recht unübersichtlichen Seiten möglich und wurde als reine Informationssammlung genutzt. Im deutschsprachigen Raum wurde später nach US-amerikanischen Vorbildern die internetbasierte Hochschullehre angeboten. Sie wurden auch als „Virtuelle Universität“ oder „Virtuelle Hochschule“ bezeichnet. Unterstützt wurden diese vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Kultusministerien der Länder. Einige der in dieser Zeit entstandenen Organisationen existieren bis heute als virtuelle Organisation aus Universitäten, Instituten oder einzelnen Abteilungen, die lose verbunden sind und gemeinsam digitalbasiert Kurse anbieten.

Die SRH Fernhochschule wurde 1996 ursprünglich von der Kolping Akademie mit 35 Studierenden gegründet und war später drei Jahre lang eine Weiterbildungseinrichtung des Deutschen Ordens. 2001 wurde sie Mitglied des SRH Hochschulverbund. Heute hat sie rund 4.300 Studierende mit 40 Professuren und rund 80 Mitarbeitern an ihrem Verwaltungsstandort Riedlingen sowie 18 Studienzentren in Deutschland und Österreich.

Heute besteht ein Bachelor– oder Master-Fernstudium meist in einem Online Studium als digitalbasierter Form des Fernstudiums, bei dem Studieninhalte in Audio-, Video- oder Schriftformaten über einen E-Campus bereitgestellt werden. Die Betreuung findet über Online-Vorlesungen und Online-Beratungen im Chat, per Video, Podcasts, in Foren und E-Mails oder am Telefon statt. Der digitale Lernraum ermöglicht dabei nicht nur das Bereitstellen von digitalen und interaktiven Lernmaterialien, sondern auch den direkten Kontakten von Lehrenden und Studierenden – auch untereinander. Der Vorteil eines Fernstudiums zeigt sich bis heute: Es brechen weniger Menschen das Studium ab und die Studierenden sind maximal flexibel in ihrer Zeiteinteilung – was natürlich eine hohe Eigenmotivation voraussetzt.

 

Teil 3: Die Zukunft wird sichtbar – auf dem Weg ins virtuelle Studium

Zum Vertiefen und Weiterlesen u.a.: H. Dieckmann, H. Zinn, Geschichte des Fernunterrichts in Deutschland von den Anfängen bis zum Jahr 2000. wbv Media Verlag, Bielefeld 2017